Episode 1 — Der Brief

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Ende Juli 2026. Das Tessin erlebt die grösste Regierungskrise seit Jahrzehnten. Heimliche Tonaufnahmen tauchen auf, zugeschrieben dem Präsidenten des Staatsrats, Claudio Zali. Sätze über Gewalt. Der ganze Kanton hört hin. Innert einer Woche gibt Zali die Verantwortung für Justiz und Polizei ab. Dann tritt er zurück.

Am 29. Juli übernimmt Marina Carobbio Guscetti das Präsidium. Vor den Medien in Bellinzona sagt sie:

A titolo personale e a nome del Consiglio di Stato, ribadisco che la violenza, in tutte le sue forme, compresa la violenza di genere e l'incitazione alla violenza, sono inaccettabili, da qualunque parte provengano.
Persönlich und im Namen des Staatsrats bekräftige ich: Gewalt in allen ihren Formen, auch die Anstiftung zur Gewalt, ist inakzeptabel – von welcher Seite sie auch kommt.

Und sie sagt: Die Menschen müssen sich auf ihre Institutionen verlassen können. Es geht um deren Glaubwürdigkeit.

Am selben Tag schreibt eine Frau aus dem Centovalli der neuen Präsidentin einen Brief.

Sie hat keine Kameras. Kein Amt. Keine Pressekonferenz. Sie hat etwas anderes: Sie hat mitangehört, wie die Tötung von zwei Menschen geplant wurde.
Sie ist eine davon.

Sie hat die Behörden informiert. Kantonal. Und in Bern. Dann hat sie gewartet. Fünf Monate. Sie lebt an wechselnden Orten, ohne feste Adresse. Aus Sicherheitsgründen.

Hier ist ihr Brief:

Deutsche Übersetzung des Briefs:

Sehr geehrte Frau Marina Carobbio Guscetti, Ihre Worte von heute — dass Gewalt inakzeptabel ist und dass die Menschen sich auf ihre Institutionen verlassen können müssen — haben mich erreicht.

Ich musste mitanhören, wie die Tötung von zwei Menschen geplant wurde; ich bin eine davon. Geplant in aller Ruhe, durchdacht bis ins kleinste Detail: wo und wie es geschehen sollte, die Waffe, der Ablauf, und ein Fluchtplan lag bereit. Selbst die zu erwartende Strafe war berechnet und einkalkuliert. Ein Plan, kaltblütig und zu Ende gedacht.

Das ist keine Vermutung und keine Erfindung. Es gibt Beweise.

Die Staatsanwaltschaft und die Bundesanwaltschaft wurden informiert. Was folgte, war Warten. Fünf Monate. Keine Antwort, keine Hilfe, nur Schweigen.

Seit Monaten wechsle ich laufend den Ort, an dem ich mich aufhalte. Schutz kam weder von der Polizei noch von der Justiz — von keiner der Stellen, die heute in Ihre Verantwortung fallen. Selbst die Polizei hat gutgeheissen, dass ich mich selbst schütze.

Was Sie heute über Gewalt und über das Vertrauen in die Institutionen gesagt haben, muss auch für Menschen wie mich gelten — auch für jene, deren Fall im Schweigen geblieben ist. Dass Ihre Worte Wirklichkeit werden.

Mit freundlichen Grüssen,
FRAU URSULA ERIKA GROSSMANN

Eine Antwort ist bis heute nicht eingetroffen.


Noch etwas haben die beiden Geschichten gemeinsam. Mehr, als man denkt.

Der Präsident trat zurück wegen einer heimlichen Tonaufnahme. Ein paar Minuten Ton – und der höchste Mann des Kantons, zuständig für Justiz und Polizei, verlor sein Amt.

Die Frau aus dem Centovalli besitzt auch eine Tonaufnahme. Aus einer Nacht im März. Sie hat sie den Behörden übergeben.

Eine Aufnahme bewegte einen ganzen Kanton.
Und die andere?

Episode 2.


Für alle Beteiligten der erwähnten Verfahren gilt die Unschuldsvermutung. Quellen: Medienkonferenz des Consiglio di Stato, 29.07.2026 (Corriere del Ticino, tio.ch, laRegione); Brief vom 29.07.2026.